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Istanbuler Archäologische Museen: Fast eine Million Objekte und die Geschichte davon, wie das Osmanische Reich begann, seine Altertümer selbst zu sammeln

Direkt unterhalb des Topkapı-Palastes liegt ein Museumskomplex, an dem viele Istanbul-Besucher erstaunlich schnell vorbeigehen. Vielleicht liegt es daran, dass Hagia Sophia, Topkapı und Yerebatan so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dabei gehören die İstanbul Arkeoloji Müzeleri zu den wichtigsten archäologischen Sammlungen der Region. Ihre Bestände umfassen fast eine Million Objekte aus sehr unterschiedlichen Kulturen des ehemaligen Osmanischen Reiches und weit darüber hinaus.

Istanbuler Archäologische Museen: Fast eine Million Objekte und die Geschichte davon, wie das Osmanische Reich begann, seine Altertümer selbst zu sammeln
Foto: Metuboy (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Direkt unterhalb des Topkapı-Palastes liegt ein Museumskomplex, an dem viele Istanbul-Besucher erstaunlich schnell vorbeigehen. Dabei gehören die İstanbul Arkeoloji Müzeleri zu den wichtigsten archäologischen Sammlungen der Region.

Mindestens genauso interessant wie einzelne berühmte Exponate ist die Entstehung des Museums selbst. Im 19. Jahrhundert wurden antike Objekte aus dem Osmanischen Reich in großer Zahl von europäischen Archäologen ausgegraben und in Museen nach London, Paris, Berlin oder Wien gebracht. Das Osmanische Reich reagierte darauf zunehmend mit eigenen Antikengesetzen, Grabungsregeln und einer professionelleren Museumsverwaltung. Eine Schlüsselperson war Osman Hamdi Bey – Maler, Diplomat, Archäologe, Museumsdirektor und einer der wichtigsten Kulturpolitiker des späten Osmanischen Reiches.

Das Wichtigste in 30 Sekunden
  • Die Istanbuler Archäologischen Museen bestehen aus drei Haupteinheiten: Archäologisches Museum, Museum des Alten Orients und Çinili Köşk.
  • Die institutionelle Gründung als Müze-i Hümayun datiert auf 1869.
  • Die Sammlungen umfassen fast eine Million Objekte.
  • Osman Hamdi Bey wurde 1881 Museumsdirektor und prägte die moderne osmanische Archäologie entscheidend.
  • Seine Ausgrabungen in Sidon brachten mehrere weltberühmte Sarkophage nach Istanbul.
  • Der „Alexandersarkophag“ gehörte nicht Alexander dem Großen.
  • Das Hauptgebäude wurde von Alexandre Vallaury entworfen und ab 1891 genutzt.
  • Der Çinili Köşk stammt bereits aus der Zeit Mehmeds II. und gehört selbst zu den wichtigsten historischen Bauwerken des Komplexes.

Warum Istanbul überhaupt ein archäologisches Museum bekam

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich in Europa eine enorme Begeisterung für antike Kunst. Gleichzeitig verfügte das Osmanische Reich über Gebiete, in denen einige der bedeutendsten antiken Städte der Welt lagen: Troja, Ephesos, Pergamon, Sidon, Baalbek und zahllose andere Orte. Europäische Konsuln, Reisende und Archäologen gruben dort mit unterschiedlichen Genehmigungen und brachten spektakuläre Funde in ihre Heimatländer.

Aus heutiger Sicht wirkt es selbstverständlich, dass ein Staat archäologische Funde als Kulturgut betrachtet und ihre Ausfuhr reguliert. Im 19. Jahrhundert war diese Vorstellung noch im Entstehen. Das Osmanische Reich begann zunehmend zu erkennen, dass Altertümer nicht nur verkäufliche Objekte oder Geschenke waren, sondern Teil des eigenen historischen Territoriums und damit auch politisch wertvoll.

Die offizielle Museumsgeschichte führt die institutionelle Gründung des Müze-i Hümayun, des Kaiserlichen Museums, auf 1869 zurück. Frühe Sammlungen waren zunächst in der Hagia Irene untergebracht. Doch schon bald wurde deutlich, dass für eine wachsende staatliche Sammlung ein professionelleres System nötig war.

Müze-i Hümayun: Das kaiserliche Museum

Das Museum war zunächst keine moderne archäologische Forschungsinstitution im heutigen Sinn. Es entwickelte sich schrittweise aus einer Sammlung von Waffen, Antiquitäten und bemerkenswerten Objekten. Die Hagia Irene bot zwar einen historischen und geschützten Raum, war aber für systematische Präsentation nur bedingt geeignet.

Mit der Professionalisierung der Museumsverwaltung änderte sich auch die staatliche Haltung zu Ausgrabungen. Neue Regelungen sollten verhindern, dass bedeutende Funde ohne Kontrolle das Reich verließen. Dieser Prozess war keineswegs linear. Europäische Mächte besaßen politischen Einfluss, Konzessionen wurden unterschiedlich interpretiert, und manche spektakulären Objekte waren bereits außer Landes, bevor strengere Regeln griffen.

Trotzdem entstand hier etwas Wichtiges: Die osmanische Regierung beanspruchte zunehmend selbst die Rolle des Bewahrers archäologischer Hinterlassenschaften.

Osman Hamdi Bey und der Kampf um Altertümer

1881 wurde Osman Hamdi Bey Direktor des Kaiserlichen Museums. Er war eine ungewöhnlich vielseitige Persönlichkeit. In Paris hatte er Malerei studiert, später arbeitete er im Staatsdienst und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten osmanischen Maler. Gleichzeitig organisierte er Ausgrabungen, reformierte die Museumsverwaltung und setzte sich für strengere Antikengesetze ein.

Besonders wichtig wurde die Antikenverordnung von 1884, die die Ausfuhr archäologischer Funde deutlich stärker einschränkte. Damit geriet Osman Hamdi in Konflikt mit ausländischen Archäologen und Diplomaten, die zuvor an großzügigere Teilungs- oder Ausfuhrpraktiken gewöhnt waren.

Man kann diese Entwicklung auch als kulturelle Selbstbehauptung verstehen. Ein Reich, das in europäischen Diskursen häufig als rückständig dargestellt wurde, sagte zunehmend: Diese Altertümer liegen auf unserem Staatsgebiet, wir organisieren eigene Ausgrabungen, und wir bauen ein Museum, in dem sie bleiben sollen.

Sidon und die berühmten Sarkophage

1887 erhielt Osman Hamdi Nachricht von einem spektakulären Grabfund bei Sidon im heutigen Libanon, damals Teil des Osmanischen Reiches. Er reiste selbst dorthin und leitete die Ausgrabungen einer königlichen Nekropole. Mehrere außergewöhnlich gut erhaltene Sarkophage wurden entdeckt und nach Istanbul transportiert.

Die Funde waren so groß und bedeutend, dass der bestehende Museumsraum nicht mehr genügte. Das war ein direkter Anstoß für den Bau eines neuen Hauptgebäudes. Der französisch-osmanische Architekt Alexandre Vallaury entwarf eine klassizistische Fassade, deren Formen bewusst an antike Sarkophage erinnern. 1891 wurde der erste Teil eröffnet; Erweiterungen folgten.

Istanbuler Archäologische Museen: Fast eine Million Objekte und die Geschichte davon, wie das Osmanische Reich begann, seine Altertümer selbst zu sammeln
Foto: Satdeep Gill (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Der sogenannte Alexandersarkophag

Das berühmteste Stück ist wahrscheinlich der sogenannte Alexandersarkophag. Seine Reliefs zeigen eindrucksvolle Schlacht- und Jagdszenen, darunter eine Figur, die Alexander den Großen darstellt. Weil Alexander so prominent erscheint, erhielt der Sarkophag seinen modernen Namen.

Alexander selbst lag jedoch nicht darin. Die Forschung verbindet das Grab meist mit Abdalonymos, einem König von Sidon, der nach Alexanders Eroberungen eingesetzt wurde. Die genaue Zuordnung wird wissenschaftlich diskutiert, doch dass es nicht Alexanders eigenes Grab ist, steht außer Frage.

Besonders faszinierend sind die erhaltenen Farbreste. Antike Skulptur wird heute oft als schneeweißer Marmor wahrgenommen, weil Jahrhunderte die Bemalung entfernt haben. Der Sarkophag erinnert daran, dass antike Bildwerke ursprünglich vielfach farbig waren.

Drei Museen statt eines einzigen

Der heutige Komplex besteht aus drei Haupteinheiten. Das Archäologische Museum zeigt vor allem griechische, römische und andere klassische Altertümer sowie die berühmten Sarkophage. Das Museum des Alten Orients umfasst Objekte aus Mesopotamien, Anatolien, Ägypten und anderen Regionen. Dort finden sich unter anderem Keilschrifttafeln und Zeugnisse früher Staaten und Kulturen.

Der dritte Teil ist der Çinili Köşk, der „Kachelpavillon“. Er ist nicht bloß ein Museumsgebäude, sondern selbst ein Denkmal aus dem 15. Jahrhundert. Die offizielle Museumsverwaltung beschreibt den Gesamtkomplex ausdrücklich als Zusammenschluss dieser drei Einheiten und nennt nahezu eine Million Objekte im Bestand.

Der Çinili Köşk von Mehmed II.

Mehmed II. ließ den Pavillon 1472 errichten. Er gehört damit zu den ältesten erhaltenen osmanischen Profanbauten Istanbuls. Seine Architektur zeigt starke persisch-timuridische Einflüsse und erinnert daran, wie international Mehmeds Hof kulturell orientiert war.

Heute wird dort vor allem Keramikkunst gezeigt. Gerade die Verbindung zwischen Gebäude und Sammlung funktioniert hervorragend, weil die farbigen Fliesen der Fassade selbst Teil der Geschichte osmanischer Dekoration sind.

Was die Sammlung über das Osmanische Reich erzählt

Die Sammlung stammt aus einem Gebiet, das wesentlich größer war als die heutige Türkei. Objekte aus dem heutigen Libanon, Syrien, Irak, Jordanien, Anatolien und anderen Regionen gelangten nach Istanbul, weil diese Gebiete damals zum Reich gehörten oder dort staatliche Grabungen stattfanden.

Das macht das Museum historisch faszinierend und politisch komplex. Einerseits verhinderte die osmanische Museumsverwaltung, dass zahlreiche Funde vollständig nach Westeuropa abwanderten. Andererseits wurden Gegenstände innerhalb eines Imperiums aus ihren lokalen Fundregionen in die Hauptstadt gebracht. Moderne Debatten über Herkunft, Besitz und kulturelles Erbe lassen sich deshalb nicht mit einem einfachen Gut-und-Böse-Schema erklären.

Für Besucher ist genau das ein Gewinn: Das Museum erzählt nicht nur Antike. Es erzählt auch, wie das 19. Jahrhundert begann, Antike zu ordnen, zu besitzen und national beziehungsweise imperial zu deuten.

Osman Hamdi Bey als Figur zwischen Europa und Osmanischem Reich

Osman Hamdi Bey ist für die Geschichte des Museums so zentral, weil er selbst genau zwischen verschiedenen kulturellen Welten stand. Sein Vater İbrahim Edhem Pascha gehörte zur osmanischen Führungsschicht, Osman Hamdi wurde in Paris ausgebildet und kannte europäische Kunstakademien, Museen und archäologische Debatten aus eigener Erfahrung. Er übernahm also nicht einfach ein westliches Modell blind, sondern nutzte Kenntnisse aus Europa, um eine osmanische Institution aufzubauen, die gegenüber westlichen Grabungsexpeditionen selbstbewusster auftreten konnte.

Als Maler wurde er besonders durch Werke wie „Der Schildkrötenerzieher“ berühmt. Seine Gemälde zeigen häufig osmanische Innenräume, religiöse Architektur und kostbare Textilien, sind aber mit akademischen europäischen Maltechniken ausgeführt. Genau diese Mischung ist aufschlussreich: Osman Hamdi war weder ein europäischer Orientalist, der eine fremde Welt exotisierte, noch ein Künstler, der westliche Methoden ablehnte. Er arbeitete mit beiden Traditionen.

Istanbuler Archäologische Museen: Fast eine Million Objekte und die Geschichte davon, wie das Osmanische Reich begann, seine Altertümer selbst zu sammeln
Foto: Antoloji (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Istanbuler Archäologische Museen: Fast eine Million Objekte und die Geschichte davon, wie das Osmanische Reich begann, seine Altertümer selbst zu sammeln
Foto: Antoloji (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Seine Tätigkeit als Museumsdirektor war ähnlich pragmatisch. Er wusste, wie stark europäische Museen um spektakuläre Objekte konkurrierten. Britische und französische Sammlungen hatten bereits riesige Bestände aus Ägypten, Griechenland und dem Nahen Osten aufgebaut. Deutsche Archäologen arbeiteten in Pergamon und anderen anatolischen Stätten. Für das Osmanische Reich ging es deshalb nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um kulturelles Prestige und Kontrolle über das eigene Territorium.

Antikengesetze und die Frage: Wem gehört Vergangenheit?

Die osmanischen Antikenverordnungen des 19. Jahrhunderts sind ein faszinierendes Kapitel, weil sie eine Frage stellen, die bis heute aktuell ist: Wem gehören archäologische Funde? Dem Finder? Dem Grundstückseigentümer? Dem Staat, in dessen Boden sie liegen? Der lokalen Gemeinschaft? Oder der gesamten Menschheit?

Frühere Grabungsvereinbarungen erlaubten ausländischen Expeditionen oft großzügige Teilungen. Dadurch gelangten berühmte Werke in europäische Museen. Mit strengeren Gesetzen beanspruchte der osmanische Staat zunehmend Eigentum an Altertümern. Das führte zu Konflikten mit Archäologen, die bereits viel Geld in Grabungen investiert hatten und einen Teil der Funde erwarteten.

Aus heutiger Perspektive wird häufig gefragt, ob Objekte an ihre Fundorte zurückgegeben werden sollten. Bei den Istanbuler Museen ist die Situation besonders komplex, weil viele Stücke zwar aus dem ehemaligen Osmanischen Reich stammen, aber nicht aus der heutigen Türkei. Ein sidonischer Sarkophag kommt aus dem heutigen Libanon, hethitische oder mesopotamische Stücke aus Regionen, die heute zu anderen Staaten gehören. Das Museum selbst ist damit ein Dokument imperialer Geografie.

Was man im Museum nicht einfach übersehen sollte

Neben den berühmten Sidon-Sarkophagen lohnt es sich, auf kleinere Dinge zu achten. Keilschrifttafeln zeigen Verwaltung, Verträge und religiöse Texte in Gesellschaften, die Jahrtausende vor dem Osmanischen Reich existierten. Reliefs und Grabstelen erzählen von Kleidung, Waffen und Vorstellungen vom Tod. Münzen machen sichtbar, wie Herrschaft verbreitet wurde: Ein Porträt oder Name auf einem Zahlungsmittel konnte weiter reisen als jede Statue.

Auch die Architektur des Hauptgebäudes sollte man bewusst ansehen. Vallaurys neoklassizistische Fassade zitiert die antike Kunst, die im Inneren gezeigt wird. Das Museum ist damit selbst eine Interpretation der Antike aus dem 19. Jahrhundert. Man betritt nicht einfach einen neutralen Behälter für alte Dinge, sondern ein Gebäude, das dem Besucher schon außen sagt, wie er die Sammlung lesen soll.

Der Çinili Köşk setzt dazu einen starken Kontrast. Er entstand fast vierhundert Jahre früher und folgt einer völlig anderen Formensprache. Wer beide Gebäude direkt nacheinander sieht, bekommt fast kostenlos einen Crashkurs darüber, wie unterschiedlich ein osmanischer Sultan des 15. Jahrhunderts und ein spätosmanischer Museumsstaat des 19. Jahrhunderts Vergangenheit und Prestige inszenierten.

Ein Museum, für das man Zeit braucht

Gerade weil die Sammlung so groß ist, macht es wenig Sinn, jedes Objekt sehen zu wollen. Ein besserer Besuch konzentriert sich auf mehrere Schwerpunkte: Sidon-Sarkophage, altorientalische Schriftkulturen, ausgewählte griechisch-römische Skulptur und den Çinili Köşk. Wer danach noch Energie hat, kann vertiefen.

Das ist auch praktisch wichtig, weil Museumsbereiche wegen Restaurierungen oder Ausstellungswechseln zeitweise geschlossen sein können. Aktuelle Öffnungszeiten und zugängliche Säle sollte man deshalb vor dem Besuch prüfen. Der historische Kern des Museums bleibt gleich, aber die konkrete Präsentation verändert sich – ein Museum ist eben selbst keine eingefrorene Institution.

Mythos oder Fakt?

„Im Alexandersarkophag lag Alexander der Große.“ Falsch. Der Name stammt von den Darstellungen Alexanders auf den Reliefs.

„Das Museum wurde von der Republik gegründet.“ Falsch. Seine institutionellen Wurzeln reichen ins Osmanische Reich zurück; 1869 wurde das Müze-i Hümayun gegründet.

„Osman Hamdi Bey war nur Maler.“ Ganz und gar nicht. Er war Museumsdirektor, Archäologe, Kulturpolitiker und maßgeblich an strengeren Antikengesetzen beteiligt.

Mein Gedanke zu diesem Ort

Ich finde an diesem Museum besonders spannend, dass man dort zwei Geschichten gleichzeitig lesen kann. Da sind natürlich die antiken Objekte selbst. Aber genauso interessant ist die Frage, warum sie überhaupt alle in Istanbul stehen.

Plötzlich wird aus einem Sarkophag nicht nur die Geschichte eines Toten, sondern auch die Geschichte einer Ausgrabung, eines Imperiums, europäischer Sammelleidenschaft und eines Mannes wie Osman Hamdi Bey, der irgendwann sagte: Wir brauchen eigene Regeln und eigene Museen.

Das ist für mich genau die Art Geschichte, die einen Ort größer macht, je länger man hinsieht.

– Amra

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