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Ortaköy-Ufer: Kumpir, Kunsthandwerk und der Bosporus-Blick, den jeder kennt, ohne den Namen zu wissen

Wer ein Istanbul-Foto in einem Reisekatalog, auf Instagram oder in einer Werbeanzeige sieht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einmal Ortaköy gesehen, ohne den Namen zu kennen: eine weiße Moschee direkt am Wasser, dahinter die große Hängebrücke über den Bosporus. Dieser Blick entsteht genau an einem Ort – dem İskele Meydanı, dem kleinen Platz am Ortaköy-Anleger.

Ortaköy-Ufer: Kumpir, Kunsthandwerk und der Bosporus-Blick, den jeder kennt, ohne den Namen zu wissen
Foto: Calistemon (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Der İskele Meydanı in Ortaköy ist einer der meistfotografierten Orte Istanbuls – nicht wegen eines Monuments, sondern wegen eines Blicks: Moschee, Wasser und Brücke in einem Bild. Doch der Platz selbst hat eine eigene, vielschichtige Geschichte.

Aber Ortaköy ist mehr als dieses eine Fotomotiv. Der Platz selbst ist eng, lebendig und über Jahrzehnte gewachsen: Kumpir-Stände, Kunsthandwerksmarkt, Cafés und ein ständiges Kommen und Gehen von Fähren, Spaziergängern und Verkäufern. Die Moschee selbst – die Büyük Mecidiye Camii – wird an anderer Stelle in diesem Blog ausführlich behandelt. Hier geht es um das Ufer davor: den Platz, den Markt und die Geschichte einer Bosporusgemeinde, die lange vor der heutigen Moschee existierte.

Das Wichtigste in 30 Sekunden
  • Ortaköy bedeutet sinngemäß „mittleres Dorf“ – gelegen zwischen anderen Bosporusorten.
  • Der İskele Meydanı ist der kleine Platz direkt am Fähranleger, berühmt für den Blick auf Moschee und Brücke.
  • Vor der heutigen Moschee (19. Jahrhundert) war Ortaköy schon ein multireligiöses Fischerdorf mit Muslimen, Griechen, Armeniern und Juden.
  • Kumpir, gefüllte Ofenkartoffeln, ist das bekannteste Straßengericht des Platzes – aber keine jahrhundertealte Tradition, sondern ein Phänomen des späten 20. Jahrhunderts.
  • Sonntags verwandelt ein Kunsthandwerksmarkt die engen Gassen rund um den Platz.
  • Die Nähe zur Bosporusbrücke (fertiggestellt 1973) machte Ortaköy zusätzlich bekannt.

Ein Dorf zwischen anderen Dörfern

Der Name „Ortaköy“ setzt sich aus „orta“ (Mitte) und „köy“ (Dorf) zusammen – ein Hinweis darauf, dass die Siedlung zwischen anderen Bosporusorten lag, etwa zwischen Kuruçeşme und Beşiktaş. Wie viele Bosporusdörfer war Ortaköy ursprünglich ein kleiner Fischer- und Handwerksort, lange bevor die heutige Stadtbebauung die einzelnen Dörfer optisch zusammenwachsen ließ.

Byzantinische und frühosmanische Spuren sind hier schwerer sichtbar als in Sultanahmet, weil der heutige Ortsbaukern überwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammt. Das bedeutet nicht, dass der Ort jung ist – nur, dass seine sichtbare Architektur jüngeren Datums ist als seine Besiedlungsgeschichte.

Ein Dorf vieler Gemeinden

Vor und neben der heutigen Moschee existierte in Ortaköy über lange Zeit eine ungewöhnlich dichte religiöse Vielfalt auf engem Raum: eine Moschee, mehrere christliche Kirchen und eine Synagoge lagen und liegen teils nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Die Etz Ahayim-Synagoge etwa gehört zu den bekannteren jüdischen Gotteshäusern Istanbuls.

Diese Nachbarschaft war kein Zufall, sondern typisch für viele Bosporusorte, in denen muslimische, griechisch-orthodoxe, armenische und jüdische Gemeinden über Generationen nebeneinander lebten, arbeiteten und ihre jeweiligen Feiertage began­gen. Ortaköy zeigt dadurch im Kleinen, wie religiös gemischt Istanbul über weite Strecken seiner Geschichte tatsächlich war – nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall vieler Bosporusviertel.

Vom Fischerdorf zum Fotomotiv

Der heutige İskele Meydanı ist flächenmäßig klein – gerade deshalb wirkt er so kompakt und lebendig. Fähranleger, Moscheevorplatz und Markt liegen praktisch übereinander. Diese Enge ist historisch gewachsen: Ortaköy war nie als repräsentativer Palastplatz geplant, sondern als funktionaler Dorfmittelpunkt an einer Anlegestelle.

Ortaköy-Ufer: Kumpir, Kunsthandwerk und der Bosporus-Blick, den jeder kennt, ohne den Namen zu wissen
Foto: Jorge Franganillo (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons

Erst mit dem Ausbau der Bosporus-Uferstraßen im 20. Jahrhundert und dem Bau der Brücke direkt daneben wurde aus dem Dorfplatz ein Ort mit internationaler Fotoprominenz. Die Kombination aus Moschee-Silhouette und Brückenbogen im Hintergrund gehört heute zu den am häufigsten reproduzierten Istanbul-Bildern überhaupt.

Kumpir: jünger, als man denkt

Wer die Reihen der Kumpir-Stände sieht, könnte annehmen, es handle sich um eine alte Bosporustradition. Tatsächlich ist Kumpir – die mit Käse, Mais, Oliven, Wurstsalat und vielem mehr gefüllte Ofenkartoffel – vor allem ein Phänomen der 1980er- und 1990er-Jahre, das sich in Istanbul rasant verbreitete und in Ortaköy einen seiner bekanntesten Verkaufsorte fand.

Der Erfolg liegt auf der Hand: Kumpir ist günstig, sättigend, individuell zusammenstellbar und lässt sich im Gehen essen – ideal für einen Platz, an dem ohnehin alle nur kurz verweilen, bevor sie weiterschlendern oder die nächste Fähre nehmen.

Der Sonntagsmarkt

Rund um den Platz und in den angrenzenden Gassen findet regelmäßig, besonders sonntags, ein Kunsthandwerksmarkt statt: Schmuck, kleine Gemälde, handgemachte Accessoires und Souvenirs wechseln hier seit Jahrzehnten die Besitzer. Der Markt ist informeller und kleinteiliger als der Große Basar und lebt stark von individuellen Ständen einzelner Kunsthandwerker.

Für viele Istanbuler ist der Ortaköy-Markt weniger Touristenattraktion als vertrauter Sonntagsausflug – ein Ort, an dem man Freunde trifft, während man nebenbei durch die Stände schlendert.

Die Brücke direkt nebenan

1973 wurde die erste Bosporusbrücke fertiggestellt – ihre europäische Auffahrt liegt in unmittelbarer Nähe zu Ortaköy. Für den Platz bedeutete das eine doppelte Wirkung: einerseits zusätzlichen Verkehr und Lärm, andererseits ein zusätzliches, unverwechselbares Bildmotiv direkt vor der eigenen Haustür.

Ortaköy-Ufer: Kumpir, Kunsthandwerk und der Bosporus-Blick, den jeder kennt, ohne den Namen zu wissen
Foto: Attila (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons

Ohne die Brücke im Hintergrund wäre Ortaköy vermutlich ein hübscher, aber international deutlich weniger bekannter Bosporusplatz geblieben. Mit ihr wurde der Ort zu einem der Orte, an dem sich moderne Infrastruktur und historische Dorfstruktur in einem einzigen Blick zusammenfassen lassen.

Mythos oder Fakt?

„Kumpir ist ein jahrhundertealtes osmanisches Gericht.“ Das ist ein Mythos. Die gefüllte Ofenkartoffel, wie man sie in Ortaköy kennt, etablierte sich erst im späten 20. Jahrhundert als Straßenessen.

„Ortaköy war schon immer ein rein muslimisches Dorf.“ Falsch. Historisch lebten hier muslimische, griechisch-orthodoxe, armenische und jüdische Gemeinden über lange Zeit nebeneinander – die religiöse Vielfalt ist Teil der eigentlichen Ortsgeschichte, nicht ihr Widerspruch.

Warum der Platz mehr ist als ein Fotomotiv

Es ist verlockend, Ortaköy auf ein einziges Bild zu reduzieren: Moschee, Wasser, Brücke. Doch dahinter steckt ein Ort mit eigener, vielschichtiger Sozial- und Religionsgeschichte, der lange vor der Erfindung des Smartphonefotos existierte.

Gerade weil der Platz so klein ist, verdichtet sich hier viel: Handel, Glaube, Alltag, Verkehr und Tourismus liegen auf wenigen hundert Metern übereinander. Das macht Ortaköy zu einem der Orte, an denen man Istanbuls Widersprüche und Vielschichtigkeit besonders konzentriert erleben kann.

Mein Gedanke zu diesem Ort

Ortaköy ist einer der Orte, an denen ich merke, wie sehr ein einzelnes Foto eine ganze Geschichte verdecken kann. Jeder kennt dieses eine Bild mit Moschee und Brücke – aber kaum jemand denkt dabei automatisch an Synagogen, Kirchen und ein jahrhundertealtes Nebeneinander verschiedener Gemeinden auf demselben kleinen Platz.

Für mich zeigt gerade das, warum ich Istanbul so liebe: Man kann an einem einzigen kleinen Ufer stehen, eine Kumpir in der Hand, den Markt im Rücken, und trotzdem mitten in jahrhundertealter Stadtgeschichte stehen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.

– Amra

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