Wer heute vor der Hagia Sophia steht, sieht einen Bau, der so selbstverständlich zur Silhouette Istanbuls gehört, dass man leicht vergisst, wie oft dieses Gebäude seine Funktion, sein Aussehen und sogar seine religiöse Bedeutung verändert hat. Die Hagia Sophia war Hauptkirche des byzantinischen Konstantinopels, Schauplatz kaiserlicher Zeremonien, Ziel einer der brutalsten Plünderungen der Stadt, jahrhundertelang osmanische Moschee, später Museum und seit 2020 wieder Moschee. Sie war nie einfach nur ein Gebäude. Sie war immer auch ein politisches Symbol dafür, wer die Stadt beherrschte und wie diese Herrschaft verstanden werden sollte.

Wer heute vor der Hagia Sophia steht, sieht einen Bau, der so selbstverständlich zur Silhouette Istanbuls gehört, dass man leicht vergisst, wie oft dieses Gebäude seine Funktion, sein Aussehen und sogar seine religiöse Bedeutung verändert hat.
Auch architektonisch ist sie kein Bau, den man mit „537 fertiggestellt“ abhaken kann. Ihre erste Kuppel stürzte nur gut zwanzig Jahre nach der Einweihung teilweise ein, spätere Erdbeben beschädigten weitere Bereiche, byzantinische Kaiser ließen Teile erneuern, osmanische Sultane ergänzten Minarette und islamische Ausstattung, Mimar Sinan verstärkte die Statik, und die Brüder Fossati führten im 19. Jahrhundert eine der größten Restaurierungen ihrer Geschichte durch. Wer die Hagia Sophia verstehen will, muss deshalb nicht nur fragen, wann sie gebaut wurde, sondern auch, was in den 1.500 Jahren danach mit ihr geschah.
- Die heutige Hagia Sophia wurde unter Kaiser Justinian I. zwischen 532 und 537 errichtet.
- Sie war bereits die dritte große Kirche an diesem Standort.
- Die erste Kuppel stürzte 558 teilweise ein und wurde höher und steiler wiederaufgebaut.
- 1204 plünderten Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzugs die Kirche und nutzten sie danach als lateinische Kathedrale.
- Nach der osmanischen Eroberung 1453 wurde sie zur Moschee.
- Christliche Mosaike wurden in unterschiedlichen Phasen verdeckt, beschädigt oder verloren; manche blieben unter späteren Schichten erhalten.
- Mimar Sinan verstärkte im 16. Jahrhundert die Statik des bereits rund tausend Jahre alten Baus.
- 1935 wurde die Hagia Sophia Museum, 2020 wieder Moschee.
Zwei Kirchen vor der heutigen Hagia Sophia
Die Geschichte beginnt lange vor Justinian. Bereits im 4. Jahrhundert stand an dieser Stelle eine große Kirche, die traditionell mit Kaiser Constantius II., dem Sohn Konstantins des Großen, verbunden wird. Sie wurde 360 geweiht und zunächst als Megale Ekklesia, die „Große Kirche“, bezeichnet. Der Name Hagia Sophia bedeutet nicht „Heilige Sophia“ im Sinn einer weiblichen Heiligen, sondern „Heilige Weisheit“ beziehungsweise „Göttliche Weisheit“. Schon der Name zeigt, dass das Gebäude als weit mehr als nur eine lokale Gemeindekirche gedacht war.
Die erste Kirche wurde 404 während schwerer Unruhen zerstört, die mit der Absetzung und Verbannung des Erzbischofs Johannes Chrysostomos zusammenhingen. Kaiser Theodosius II. ließ daraufhin einen Neubau errichten, der 415 eingeweiht wurde. Von dieser zweiten Kirche sind heute nur wenige archäologische Reste erhalten, darunter Fragmente ihrer monumentalen Eingangsfassade. Diese Überreste machen deutlich, dass der Platz schon lange vor Justinian religiös und politisch aufgeladen war.
Auch die zweite Kirche ging nicht langsam durch Alter verloren. Sie wurde im Januar 532 während des Nika-Aufstands durch Feuer zerstört. Damit war der Weg frei für einen Neubau, der nicht einfach größer werden sollte, sondern architektonisch etwas völlig Neues versuchte.
Der Nika-Aufstand und Justinians radikaler Neubau
Justinian I. regierte seit 527 und verfolgte ein außerordentlich ehrgeiziges Programm. Er reformierte das Recht, führte Kriege zur Rückgewinnung ehemals römischer Gebiete und wollte Konstantinopel als Hauptstadt eines christlichen Römischen Reiches monumental ausbauen. Gleichzeitig erzeugten Steuern, politische Konflikte und die harte Regierungsführung seines Umfelds starken Unmut. Als sich Anfang 532 Auseinandersetzungen rund um die Wagenrennparteien der Blauen und Grünen zuspitzten, verbanden sich diese Spannungen zu einem offenen Aufstand.
Der Ruf „Nika!“ – „Siege!“ wurde zum Schlachtruf gegen den Kaiser. Große Teile des Stadtzentrums gingen in Flammen auf, darunter auch die damalige Hagia Sophia. In den überlieferten Berichten erscheint die Lage zeitweise so gefährlich, dass Justinian sogar über Flucht nachgedacht haben soll. Berühmt wurde die Rede seiner Frau Theodora, die ihn zum Bleiben bewegt habe. Ob jedes Wort dieser Rede tatsächlich so gefallen ist, lässt sich nicht beweisen; byzantinische Historiker gestalteten Reden literarisch. Sicher ist jedoch, dass die Regierung den Aufstand schließlich militärisch niederschlug und dabei eine enorme Zahl von Menschen getötet wurde.
Fast unmittelbar danach begann Justinian mit dem Neubau. Er beauftragte Anthemius von Tralleis und Isidor von Milet, zwei Männer mit außergewöhnlichen mathematischen und geometrischen Kenntnissen. Sie sollten keine gewöhnliche Basilika entwerfen, sondern einen Raum, der die Längsform einer Kirche mit einem gewaltigen zentralen Kuppelraum verband. Nur ungefähr fünf Jahre später, am 27. Dezember 537, wurde die neue Hagia Sophia eingeweiht.
Wie die Kuppel technisch funktioniert
Die größte technische Herausforderung bestand darin, eine riesige runde Kuppel über einem annähernd quadratischen Hauptraum zu errichten. Die Architekten nutzten dafür Pendentifs, gekrümmte dreieckige Übergangsflächen, die das Gewicht der Kuppel auf vier massive Hauptpfeiler ableiten. Nach Osten und Westen erweitern große Halbkuppeln den Raum, während weitere Gewölbe die Lasten schrittweise in die Außenmauern und Stützstrukturen übertragen.
Die zentrale Kuppel besitzt ungefähr 31 Meter Durchmesser. An ihrem unteren Rand befindet sich eine Reihe von Fenstern, durch die Licht direkt unterhalb der Kuppelschale einfällt. Dadurch wirkt die massive Konstruktion optisch leichter, fast so, als würde sie über dem Raum schweben. Schon byzantinische Autoren beschrieben diesen Effekt begeistert. Ein Besucher des 6. Jahrhunderts kannte kaum einen vergleichbaren Innenraum, in dem Licht, Marmor und Goldmosaik eine so enorme räumliche Wirkung erzeugten.
Diese Schönheit hatte allerdings ihren Preis. Die Konstruktion war statisch extrem anspruchsvoll, und der ungewöhnlich schnelle Bau dürfte ebenfalls Probleme begünstigt haben. Die Hagia Sophia war technisch genial, aber sie war von Anfang an kein völlig problemloses Gebäude.
Warum die erste Kuppel einstürzte
Mehrere Erdbeben belasteten die junge Kirche. 558 stürzte ein großer Teil der ersten Kuppel ein. Damit war das Prestigeprojekt Justinians gerade einmal gut zwanzig Jahre alt, als sein wichtigstes architektonisches Element wiederaufgebaut werden musste. Verantwortlich für die neue Kuppel war Isidor der Jüngere, ein Verwandter des ursprünglichen Isidor von Milet.
Die Ersatzkuppel wurde höher und steiler ausgeführt. Dadurch veränderte sich die Kraftverteilung und zugleich die äußere Silhouette. 562 konnte die Kirche erneut geweiht werden. Auch in späteren Jahrhunderten führten Erdbeben zu weiteren Schäden und Reparaturen, weshalb die Kuppel, die wir heute sehen, nicht einfach unverändert aus dem Jahr 537 stammt.
Gerade dieses Detail ist wichtig, weil es die Hagia Sophia von der Vorstellung eines „eingefrorenen antiken Meisterwerks“ befreit. Ihre Geschichte war von Anfang an eine Geschichte des Reparierens, Verstärkens und Anpassens.
Die Hagia Sophia als Zentrum von Kaiserhof und Patriarchat
Die Hagia Sophia war die wichtigste Kirche des byzantinischen Konstantinopels und eng mit dem Patriarchen sowie dem Kaiserhof verbunden. Große religiöse Feste, kaiserliche Zeremonien und Prozessionen führten durch diesen Raum. Der Kaiser war kein Priester, aber seine Herrschaft wurde innerhalb einer christlichen Vorstellung von Reich und göttlicher Ordnung verstanden. In der Hagia Sophia begegneten sich deshalb Liturgie und Politik unmittelbar.
Auch die Ausstattung spiegelte diesen Anspruch. Marmor aus verschiedenen Regionen des Reiches, kostbare Metalle, aufwendige liturgische Geräte und Goldmosaike machten den Innenraum zu einem der reichsten Sakralräume des Mittelalters. Kaiser und Kaiserinnen ließen sich in Mosaiken neben Christus oder der Gottesmutter darstellen. Solche Bilder waren keine privaten Familienporträts, sondern politische Aussagen über die Stellung der Dynastie innerhalb einer göttlich geordneten Welt.
Diese enorme religiöse und materielle Bedeutung erklärt, warum die Kirche 1204 zu einem besonders attraktiven Ziel der Plünderer wurde.
Der Vierte Kreuzzug sollte ursprünglich gar nicht Konstantinopel erobern. Finanzielle Verpflichtungen gegenüber Venedig und byzantinische Thronstreitigkeiten führten jedoch dazu, dass das Kreuzfahrerheer 1203 vor der Stadt erschien. Nach einer ersten Intervention zerbrachen die politischen Vereinbarungen. Im April 1204 nahmen die Kreuzfahrer Konstantinopel endgültig ein.

Danach folgte eine mehrtägige Plünderung, die zu den schwersten Katastrophen der Stadtgeschichte gehört. Paläste, Häuser, Klöster und Kirchen wurden beraubt. Reliquien, liturgische Geräte, Edelmetalle und Kunstwerke gelangten in westliche Hände. Zahlreiche Objekte wurden nach Venedig, Frankreich und in andere Regionen Europas gebracht, andere wegen ihres Materialwertes eingeschmolzen oder zerstört.
Auch die Hagia Sophia wurde geplündert und entweiht. Ihre reiche liturgische Ausstattung war ein besonders wertvolles Ziel. Mittelalterliche Berichte schildern die Vorgänge drastisch; einzelne Details sind quellenkritisch zu prüfen, doch an der grundlegenden Tatsache der Plünderung besteht kein Zweifel. Nach der Eroberung wurde die Kirche unter dem neu geschaffenen Lateinischen Kaiserreich als römisch-katholische Kathedrale genutzt. Erst 1261, nach der Rückeroberung der Stadt durch Michael VIII. Palaiologos, kehrte sie zur orthodoxen Nutzung zurück.
1204 führte nicht automatisch und direkt zum Fall von 1453. Zwischen beiden Ereignissen liegen fast zweieinhalb Jahrhunderte. Trotzdem schwächte die Plünderung das Byzantinische Reich tiefgreifend. Vermögen, Kunst, Reliquien und wirtschaftliche Ressourcen gingen verloren, und die wiederhergestellte byzantinische Herrschaft kehrte 1261 in eine deutlich geschwächte Hauptstadt zurück.
1453: Mehmed II. und die Umwandlung zur Moschee
Am 29. Mai 1453 eroberten die Truppen Mehmeds II. Konstantinopel. Der erst 21-jährige Sultan beendete damit das Byzantinische Reich und begann, die Stadt als Zentrum seines eigenen Herrschaftsprojekts neu zu organisieren. Die Hagia Sophia wurde nach der Eroberung zur Moschee umgewandelt.
Diese Umwandlung bestand nicht aus einem einzigen Umbau an einem einzigen Tag. Ein Mihrab wurde eingebaut, um die Gebetsrichtung nach Mekka anzuzeigen, ein Minbar diente der Freitagspredigt, und im Laufe der folgenden Jahrhunderte kamen Minarette, Herrscherloge, Brunnen, Mausoleen und weitere Elemente hinzu. Die vier heute sichtbaren Minarette stammen nicht alle aus derselben Phase.
Die Hagia Sophia blieb fast fünf Jahrhunderte Moschee. Deshalb ist die „osmanische Phase“ selbst wieder eine lange Geschichte aus unterschiedlichen Sultanen, Architekten, Reparaturen und religiösen Veränderungen.
Was wirklich mit den christlichen Bildern geschah
Hier entstehen besonders einfache Erzählungen. Die eine behauptet: „Die Osmanen kamen und zerstörten alle christlichen Bilder.“ Die andere macht daraus fast das Gegenteil und behauptet, die Osmanen hätten die Mosaike bewusst für spätere Generationen gerettet. Beide Versionen vereinfachen die tatsächliche Entwicklung zu stark.
Mit der Umwandlung zur Moschee konnten christliche figürliche Darstellungen im Gebetsraum nicht mehr dieselbe sichtbare liturgische Funktion besitzen. In unterschiedlichen Phasen wurden daher zahlreiche Mosaike verdeckt, überputzt oder anderweitig abgedeckt. Manche Darstellungen wurden beschädigt oder gingen durch Erdbeben, Feuchtigkeit, Umbauten und Reparaturen verloren. Andere blieben unter späteren Schichten erstaunlich gut erhalten.
Darin liegt das historische Paradox: Die Abdeckung geschah nicht, damit Kunsthistoriker Jahrhunderte später etwas freilegen konnten. Dennoch schützte sie einzelne Mosaike unbeabsichtigt vor weiteren Einwirkungen. Als Restauratoren im 19. und besonders im 20. Jahrhundert spätere Schichten entfernten, kamen deshalb bedeutende Teile der byzantinischen Bildausstattung wieder zum Vorschein.
Mimar Sinan und die Statik
Im 16. Jahrhundert war die Hagia Sophia bereits ungefähr tausend Jahre alt. Wiederholte Erdbeben und die enormen seitlichen Kräfte der Kuppel hatten das Gebäude geschwächt. Mimar Sinan, der bedeutendste Architekt des klassischen Osmanischen Reiches, beschäftigte sich deshalb intensiv mit der Statik und ließ unter anderem massive äußere Strebepfeiler und weitere Verstärkungen anlegen.
Wer heute von außen auf die Hagia Sophia blickt und sich wundert, warum der Baukörper stellenweise so massiv abgestützt wirkt, sieht genau diese lange Geschichte. Die äußere Gestalt ist nicht allein die elegante Vision des 6. Jahrhunderts, sondern auch das Ergebnis späterer Versuche, dieses schwierige Bauwerk überhaupt stehen zu lassen.
Sinan betrachtete die Hagia Sophia zugleich als architektonische Herausforderung. In seinen eigenen Moscheen entwickelte er unterschiedliche Lösungen für große zentrale Kuppelräume. Die Beziehung zwischen byzantinischer und osmanischer Architektur ist deshalb viel interessanter als eine einfache Geschichte von „vorher christlich, danach muslimisch“.
Die Fossati-Restaurierung im 19. Jahrhundert
Zwischen 1847 und 1849 ließ Sultan Abdülmecid die Hagia Sophia umfassend restaurieren. Die Schweizer Brüder Gaspare und Giuseppe Fossati stabilisierten Teile des Gebäudes, erneuerten Dekorationen und untersuchten byzantinische Mosaike, die unter späteren Schichten verborgen waren.
Einige Mosaike wurden freigelegt und dokumentiert, anschließend wegen der damaligen Nutzung als Moschee wieder abgedeckt. Zugleich entstanden beziehungsweise wurden erneuert Elemente, die heute den Innenraum stark prägen. Besonders auffällig sind die riesigen kalligrafischen Rundtafeln von Kazasker Mustafa İzzet Efendi.
Wenn heute byzantinische Mosaike, osmanische Kalligrafie, Mihrab, Minbar und spätantike Architektur gleichzeitig im Blick erscheinen, sieht man deshalb keine einheitlich geplante Dekoration. Man sieht Jahrhunderte, die sich im selben Raum überlagern.
Museum ab 1935 und wieder Moschee seit 2020
Nach Gründung der Republik Türkei veränderte sich der Status erneut. 1935 wurde die Hagia Sophia als Museum geöffnet. In dieser Phase legten Restauratoren zahlreiche byzantinische Mosaike frei und dokumentierten sie systematisch. Die Museumsepoche prägte über Jahrzehnte die internationale Wahrnehmung der Hagia Sophia als Monument, in dem byzantinische und osmanische Geschichte gleichzeitig sichtbar waren.
2020 wurde der Museumsstatus aufgehoben und die Hagia Sophia wieder zur Moschee. Der Schritt wird bis heute unterschiedlich bewertet. Für viele Muslime besitzt die Moscheenutzung große religiöse und historische Bedeutung, während andere den Museumsstatus als besonders geeignete Form für ein Monument betrachten, das so viele religiöse und politische Epochen verbindet.


Ein seriöser historischer Artikel muss diese Diskussion nicht für den Leser entscheiden. Er sollte nur klar machen, dass auch diese jüngste Veränderung längst Teil der Geschichte des Gebäudes geworden ist.
Was man heute bewusst ansehen sollte
Der Blick geht fast automatisch zur Kuppel, doch der Raum erschließt sich besser, wenn man verschiedene Schichten bewusst nebeneinander betrachtet. Der Mihrab steht leicht versetzt zur ursprünglichen byzantinischen Achse, weil er sich nach Mekka orientieren muss. Die großen Kalligrafietafeln stammen aus dem 19. Jahrhundert, obwohl sie so selbstverständlich zum Raum gehören, dass sie viel älter wirken.
Bei zugänglichen Galeriebereichen sollte man die Kaisermosaike genau ansehen. Sie zeigen, wie eng Religion und Herrschaft im Byzantinischen Reich verbunden waren. Auch die sogenannte weinende Säule gehört zu den bekannten Objekten, um die sich seit Jahrhunderten Geschichten über Heilung und Wunder ranken.
Was die Mosaike über Macht erzählen
Die erhaltenen Mosaike sind weit mehr als dekorative Reste einer verschwundenen Kirche. Sie zeigen, wie eng Religion und politische Herrschaft im Byzantinischen Reich miteinander verbunden waren. Kaiser und Kaiserinnen erscheinen neben Christus oder der Gottesmutter nicht deshalb, weil man ein höfisches Familienalbum anlegen wollte, sondern weil solche Bilder eine Vorstellung von legitimer, gottgewollter Herrschaft vermittelten. Wer vor dem Mosaik von Konstantin IX. Monomachos und Kaiserin Zoe steht, sieht deshalb nicht einfach zwei historische Personen in kostbarer Kleidung, sondern eine politische Bildsprache, in der Stiftung, Frömmigkeit und dynastische Selbstdarstellung zusammengehören.
Besonders eindrucksvoll ist auch das Deësis-Mosaik auf der oberen Galerie. Es stammt aus einer Zeit, in der das Byzantinische Reich längst nicht mehr die Macht und Größe der Epoche Justinians besaß. Trotzdem erreichte die Kunst eine außerordentliche Feinheit. Die Gesichter wirken individueller, die Modellierung weicher, die emotionale Wirkung unmittelbarer als bei vielen älteren Darstellungen. Gerade darin liegt eine wichtige Korrektur zu der Vorstellung, das spätbyzantinische Reich sei kulturell nur noch ein schwacher Schatten seiner Vergangenheit gewesen. Politisch war es kleiner geworden, künstlerisch konnte es weiterhin Außergewöhnliches hervorbringen.
Auch die monumentale Marienfigur in der Apsis muss man in ihrem historischen Zusammenhang sehen. Sie entstand nach dem Ende des byzantinischen Bilderstreits, also nach einer Epoche, in der figürliche religiöse Bilder zeitweise verboten und zerstört worden waren. Dass Maria mit dem Christuskind wieder prominent im wichtigsten Kirchenraum Konstantinopels erschien, war deshalb selbst eine Aussage. Die Hagia Sophia erzählt nicht nur vom späteren Wechsel zwischen Christentum und Islam, sondern ebenso von heftigen Konflikten innerhalb des Christentums.
Warum die Außenseite genauso wichtig ist wie der Innenraum
Viele Besucher möchten so schnell wie möglich unter die Kuppel. Dabei erklärt das Äußere mindestens ebenso viel über die Geschichte des Gebäudes. Die Hagia Sophia wirkt von außen unregelmäßig, schwer und stellenweise fast zusammengesetzt. Große Strebepfeiler, Anbauten, Mausoleen und unterschiedliche Mauerflächen zeigen, wie oft in den Bau eingegriffen werden musste. Genau diese Unregelmäßigkeit ist historisch wertvoll, denn sie macht sichtbar, dass die Kirche beziehungsweise Moschee nicht 537 fertiggestellt und anschließend nur noch benutzt wurde.
Besonders die osmanischen Mausoleen im unmittelbaren Umfeld zeigen, dass der Ort nach 1453 eine neue dynastische Bedeutung erhielt. Mehrere Sultane und Angehörige der Herrscherfamilie wurden hier bestattet. Damit entstand neben und um das frühere Zentrum des byzantinischen Christentums ein osmanischer Erinnerungsraum. Die verschiedenen Epochen stehen nicht sauber getrennt nebeneinander, sondern greifen buchstäblich ineinander.
Auch die Minarette gehören zu unterschiedlichen Bauphasen. Sie sehen heute so selbstverständlich aus, als hätten sie schon immer zum Gebäude gehört, doch sie entstanden nicht gleichzeitig. Frühe osmanische Ergänzungen wurden später ersetzt oder erweitert, während sich gleichzeitig das statische Problem des riesigen Kuppelbaus stellte. Wer die Hagia Sophia heute betrachtet, sieht deshalb ein byzantinisches Grundkonzept, das über Jahrhunderte osmanisch weitergebaut, verstärkt und neu interpretiert wurde.
Die Hagia Sophia als Klang- und Lichtraum
Ein Aspekt, der in vielen Beschreibungen fast vollständig untergeht, ist die Wirkung von Klang. In einem riesigen, von Marmor und Gewölben geprägten Raum verhält sich eine Stimme völlig anders als in einer kleinen Kirche. Liturgischer Gesang konnte lange Nachhallzeiten erzeugen, wodurch einzelne Töne ineinander übergingen und der Raum selbst beinahe wie ein zusätzliches Instrument wirkte. Moderne akustische Forschungen haben gezeigt, dass die Hagia Sophia einen außergewöhnlich langen Nachhall besitzt. Für die byzantinische Liturgie war das nicht nebensächlich: Musik, Prozession, Weihrauch und Licht gehörten zu einem Gesamterlebnis, das den sakralen Anspruch der Kirche körperlich spürbar machte.
Auch das Licht war Teil dieser Wirkung. Sonnenlicht fiel zu unterschiedlichen Tageszeiten durch Fensterreihen, traf auf Marmorflächen und Goldmosaike und veränderte ständig den Raum. Gerade die Fenster am Kuppelansatz ließen die massive Konstruktion leichter erscheinen. Ein Besucher des 6. Jahrhunderts kannte keine elektrischen Scheinwerfer und keine gleichmäßig ausgeleuchteten Innenräume. Helligkeit war wechselhaft, und genau deshalb konnte ein heller Goldgrund in einer ansonsten dunkleren Kirche besonders intensiv wirken.
Diese sinnliche Dimension erklärt, warum antike und mittelalterliche Autoren die Hagia Sophia nicht nur technisch beschrieben, sondern fast überwältigt auf den Raumeindruck reagierten. Der Bau sollte nicht lediglich beweisen, dass Justinian viel Geld und gute Ingenieure hatte. Er sollte eine Vorstellung von göttlicher Ordnung erfahrbar machen. Selbst wenn man diesen Glauben nicht teilt, versteht man die Architektur besser, wenn man sie nicht nur als geometrisches Problem betrachtet.
„Justinian rief bei der Einweihung: Salomo, ich habe dich übertroffen.“ Das ist eine alte Überlieferung und passt zum enormen Anspruch des Baus. Ob diese Worte tatsächlich exakt so gefallen sind, lässt sich nicht beweisen.
„Die Osmanen zerstörten nach 1453 sämtliche christlichen Mosaike.“ Falsch. Es gingen Bilder verloren und Darstellungen wurden beschädigt, viele Mosaike wurden jedoch in unterschiedlichen Phasen verdeckt und konnten später wieder freigelegt werden.
„Die Hagia Sophia hat seit 537 dieselbe Kuppel.“ Falsch. Die erste Kuppel stürzte 558 teilweise ein und wurde verändert wiederaufgebaut; spätere Erdbeben führten zu weiteren Reparaturen.
Mein Gedanke zu diesem Ort
Sultanahmet ist für mich einer dieser Orte in Istanbul, an denen sich sofort etwas verändert, sobald man dort ankommt. Auf der einen Seite steht die Hagia Sophia, gegenüber die Blaue Moschee, dazwischen Menschen aus gefühlt allen Teilen der Welt. Es ist voll, manchmal wirklich sehr voll, aber seltsamerweise empfinde ich diese Menschen dort kaum als fremd. Jeder ist aus seinem eigenen Grund gekommen, und trotzdem stehen irgendwann alle vor denselben Gebäuden und schauen nach oben.
Einen Moment in der Hagia Sophia werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Während unseres Besuchs begann das Gebet, und plötzlich kamen mir die Tränen. Nicht weil ich mir vorgenommen hatte, besonders emotional zu sein. Aus dem Nichts musste ich an meine Oma denken. Meine beiden Omas waren sehr religiös, eine von ihnen hatte eine besonders große Gottesfurcht, aber beide hatten leider nie die Möglichkeit, Istanbul zu besuchen. Als Reisen für sie theoretisch leichter geworden wären, spielten ihre Beine im Alter schon nicht mehr mit.
Mitten während dieses Gebets dachte ich plötzlich daran, wie sehr meine Oma diesen Moment wahrscheinlich genossen hätte. Wie gerne hätte sie hier einmal gebetet? Um mich herum waren Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Sprachen und Herkunftsländern. Vorne wurde gebetet. Dahinter warteten Besucher, bis das Gebet vorbei war und sie die Hagia Sophia weiter ansehen konnten. Vielleicht waren sie Christen, vielleicht gehörten sie einer anderen Religion an oder gar keiner. In diesem Moment war das völlig egal.
Vielleicht beschäftigt mich das gerade deshalb so sehr, weil die Hagia Sophia genügend Jahrhunderte erlebt hat, in denen Menschen genau diesen Respekt nicht geschafft haben. Sie wurde geplündert, Religionen und Herrscher wechselten, Kunst wurde geraubt und Menschen bekämpften einander. Wenn heute Menschen aus aller Welt friedlich in demselben Gebäude stehen können, ohne dass jeder genauso denken muss wie der andere, ist das für mich keine Kleinigkeit.
Wir können nicht den Frieden der ganzen Welt im Alleingang herstellen. Aber wir können entscheiden, wie wir uns zuhause verhalten, wie wir über andere sprechen und wie wir Menschen behandeln, sobald wir unsere Haustür verlassen. Irgendwo muss es anfangen.
– Amra
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